Authentisch vor der Kamera: Was bedeutet das eigentlich?

„Sei einfach du selbst.“

Wahrscheinlich ist das einer der häufigsten Ratschläge, wenn es darum geht, authentisch vor der Kamera zu wirken. Und gleichzeitig einer der schwierigsten.

Denn was heißt das eigentlich?

Dass du dich nicht vorbereiten darfst? Dass du frei sprechen musst? Dass Versprecher besonders authentisch sind? Dass du dich vor der Kamera genauso verhalten solltest wie beim Abendessen mit Freunden?

Ich arbeite seit über 20 Jahren als Schauspielerin vor der Kamera. Und gerade deshalb finde ich die Vorstellung interessant, Authentizität sei etwas, das automatisch entsteht, sobald wir aufhören, uns anzustrengen.

Schauspieler:innen verbringen Jahre damit, vor der Kamera glaubwürdig zu sein. Sie lernen, einen geschriebenen Text so zu sprechen, dass er im Moment entsteht. Gefühle nicht nur darzustellen, sondern sie nachvollziehbar werden zu lassen. Sie arbeiten an Präsenz, Wahrnehmung, Zuhören, Reaktion, Körper, Stimme und Timing.

Das klingt zunächst wie das Gegenteil von Authentizität.

Und vielleicht lässt sich gerade daran ziemlich gut verstehen, was authentische Kamerapräsenz eigentlich bedeutet.

Authentisch ist nicht dasselbe wie spontan

Ein Video kann komplett improvisiert sein und trotzdem gestellt wirken.

Und ein Video kann bis ins Detail vorbereitet sein und sich trotzdem vollkommen natürlich anfühlen.

Vorbereitung und Authentizität sind keine Gegensätze.

Wenn du einen Gedanken vorher sortierst, einen Einstieg formulierst oder weißt, worauf du hinauswillst, macht dich das nicht weniger authentisch. Im Gegenteil. Vorbereitung kann dir die Sicherheit geben, die du brauchst, um während der Aufnahme überhaupt wieder präsent zu werden.

Problematisch wird es eher dann, wenn aus Vorbereitung Kontrolle wird.

Wenn du nicht mehr darüber nachdenkst, was du sagen möchtest, sondern während des Sprechens permanent überprüfst, wie du gerade wirkst.

Wie klingt meine Stimme?

Was mache ich mit meinen Händen?

Schaue ich richtig?

Wirke ich souverän genug?

War der Satz gut?

In diesem Moment passiert etwas Entscheidendes: Ein Teil deiner Aufmerksamkeit ist nicht mehr bei dem Gedanken, den du vermitteln möchtest, sondern bei deiner eigenen Wirkung.

Und genau das kann man sehen.

Schauspiel ist vielleicht das beste Beispiel dafür

Beim Schauspiel ist die Situation offensichtlich künstlich.

Da steht eine Kamera. Licht wird gesetzt. Menschen stehen hinter Monitoren. Eine Szene wird vielleicht zum sechsten Mal gedreht. Der Text wurde vorher geschrieben. Die Figur existiert nicht wirklich.

Und trotzdem soll am Ende etwas natürliches entstehen.

Niemand sitzt vor einem guten Film und denkt: Diese Schauspielerin hat diesen Satz aber sehr authentisch auswendig gelernt.

Wir vergessen im besten Fall, dass überhaupt gespielt wird.

Das Interessante daran ist: Dafür reicht es nicht, ein Gefühl äußerlich nachzumachen.

Traurigkeit wird nicht glaubwürdig, weil jemand traurig schaut. Freude nicht, weil jemand besonders viel lächelt. Und Präsenz entsteht nicht dadurch, dass jemand versucht, präsent auszusehen.

Schauspieler:innen beschäftigen sich deshalb über Jahre damit, wie unter künstlichen Bedingungen etwas glaubwürdig werden kann.

Und genau diese Frage finde ich auch für Menschen interessant, die keine Schauspieler:innen sind, sondern als Personal Brand, Expert:in oder Unternehmer:in vor der Kamera stehen.

Denn natürlich spielst du keine Figur.

Aber die Situation ist trotzdem nicht natürlich.

Eine Kamera verändert die Situation

Im normalen Gespräch hast du ein Gegenüber.

Du siehst eine Reaktion. Jemand nickt, lacht, schaut irritiert oder stellt eine Frage. Dein Gegenüber gibt dir permanent Informationen zurück und dein Verhalten entsteht in Beziehung dazu.

Vor der Kamera fehlt ein großer Teil dieses Austauschs.

Du sprichst mit einer Linse.

Gleichzeitig weißt du, dass dieses Video später vielleicht von hundert, tausend oder zehntausend Menschen gesehen wird.

Allein dieses Wissen kann verändern, wie wir sprechen.

Plötzlich formulieren wir vollständiger. Wir erklären mehr. Die Stimme verändert sich. Die Körperspannung steigt. Wir benutzen Wörter, die wir in einem echten Gespräch niemals benutzen würden.

Und irgendwann sieht man zwar immer noch dich.

Aber man erlebt dich nicht mehr unbedingt so, wie Menschen dich sonst erleben.

Genau deshalb beschäftigt mich bei Selbstsichtbar die Frage, warum die Kamera manchmal etwas von unserer Persönlichkeit verschwinden lässt.

Glaubwürdigkeit entsteht nicht dadurch, dass du Natürlichkeit spielst

Eine typische Reaktion darauf ist der Versuch, besonders locker zu werden.

Aber auch Natürlichkeit kann zur Performance werden.

Und ich glaube, die Kamera ist ziemlich gut darin, diesen Unterschied sichtbar zu machen.

Je mehr wir versuchen, eine bestimmte Wirkung herzustellen, desto größer wird die Gefahr, dass zwischen uns und dem Gegenüber etwas entsteht.

Das gilt übrigens nicht nur für Nervosität.

Du kannst vor der Kamera vollkommen souverän aussehen und trotzdem wenig von dir zeigen.

Du kannst professionell sprechen, einen guten Hook haben, die richtige Beleuchtung benutzen und jedes Wort perfekt platzieren.

Und trotzdem bleibt beim Zuschauen wenig hängen.

Denn technische Qualität und persönliche Glaubwürdigkeit sind nicht dasselbe.

Auch deshalb glaube ich, dass gute Videos allein noch keine Personal Brand aufbauen.

Authentizität bedeutet nicht, ungefiltert zu sein

Ich finde noch einen anderen Punkt wichtig.

Authentisch zu sein bedeutet für mich nicht, dass alles öffentlich werden muss.

Du musst nicht dein Privatleben zeigen, deine intimsten Gedanken teilen oder jede Emotion ungefiltert ins Internet stellen, damit Menschen dich als authentisch erleben.

Eine Personal Brand ist immer eine Auswahl, eine kuratierte Version deiner Persönlichkeit.

Du entscheidest, worüber du sprichst. Welche Perspektiven du öffentlich machst. Welche Teile deiner Persönlichkeit relevant sind. Welche Formate du benutzt. Welche Grenzen du setzt.

Das macht sie nicht automatisch künstlich.

Auch im echten Leben zeigen wir nicht jedem Menschen jede Seite von uns.

Die entscheidendere Frage ist für mich deshalb nicht:

Zeige ich genug?

Sondern:

Ist das, was ich zeige, tatsächlich relevant?

Vielleicht ist glaubwürdig das bessere Wort

Ich benutze den Begriff Authentizität selbst oft. Trotzdem finde ich „glaubwürdig“ manchmal präziser.

Denn Authentizität klingt schnell nach einem absoluten Zustand.

Entweder ich bin authentisch oder ich bin es nicht.

So einfach erlebe ich Menschen nicht.

Wir verhalten uns in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich. In einem Kundengespräch vielleicht anders als mit unserer besten Freundin. Auf einer Bühne anders als morgens beim Kaffee. Und vor einer Kamera noch einmal anders.

Keine dieser Versionen muss deshalb falsch sein.

Für mich wird es interessant, wenn die Distanz zwischen diesen Versionen zu groß wird.

Wenn jemand im Gespräch lebendig, präzise, humorvoll und meinungsstark ist und im Video plötzlich klingt wie die Pressestelle des eigenen Unternehmens.

Dann fehlt nicht unbedingt Authentizität.

Vielleicht fehlt schlicht die Verbindung zu dem Teil der eigenen Persönlichkeit, der sonst selbstverständlich da ist.

Authentische Kamerapräsenz kann man entwickeln

Und hier finde ich die Erfahrung aus dem Schauspiel besonders hilfreich.

Wenn Menschen jahrelang trainieren können, unter künstlichen Bedingungen glaubwürdig zu reagieren, zuzuhören und Gefühle entstehen zu lassen, dann zeigt das etwas Entscheidendes:

Glaubwürdigkeit vor der Kamera ist nicht ausschließlich angeboren.

Natürlich gibt es Menschen, denen die Kamera von Anfang an leichter fällt. Aber Kamerapräsenz lässt sich entwickeln.

Nicht indem du lernst, eine perfekte Version von dir zu spielen.

Sondern indem du herausfindest, was dir hilft, trotz Kamera oder gerade durch die Kamera wieder mehr Zugang zu dir selbst zu bekommen.

Das kann bedeuten, sich selbst durch die Kameralinse genauer zu betrachten. Das, was man eigentlich sagen und wofür man stehen will, genauer zu reflektieren. Formate und Kommunikationsstile zu finden, die zu deiner persönlichen Art und Weise passen. Deinen Körper wahrzunehmen, bevor du auf Aufnahme drückst. Oder überhaupt erst einmal herauszufinden, wie du auf andere wirkst und wirken möchtest.

Denn gute Kamerapräsenz braucht Raum.

Und sie braucht Übung.

Dein eigener Videostil gehört dazu

Deshalb glaube ich auch nicht an den einen richtigen Stil vor der Kamera.

Manche Menschen sind großartig, wenn sie frei sprechen, in Yapping Videos oder freier Improvisation. Andere werden klarer, wenn sie ihre Gedanken vorher strukturieren. Manche funktionieren in ruhigen Talking Head Videos. Andere werden lebendig, sobald sie sich bewegen, interviewt werden oder mit jemandem sprechen.

Authentizität bedeutet nicht, dass du dich eingrenzen musst.

Es bedeutet eher, Formate zu finden, in dem du dich nicht permanent von dir selbst entfernen musst.

Genau deshalb gehören für mich Persönlichkeit, Kamerapräsenz und Videostrategie zusammen.

Denn dein Videostil sollte nicht nur zu einer Plattform oder einem Algorithmus passen.

Er sollte vor allem zu dir passen.

Die Frage ist nicht: Wirke ich authentisch?

Vielleicht ist das am Ende sogar die falsche Frage.

Denn sobald wir versuchen, authentisch zu wirken, sind wir wieder bei der Wirkungskontrolle.

Ich würde deshalb eine andere Frage stellen:

Kann ich vor der Kamera noch mit dem verbunden bleiben, was ich eigentlich sagen, zeigen oder vermitteln möchte?

Authentische Kamerapräsenz bedeutet für mich nicht, dass keine Kamera mehr spürbar sein darf.

Es bedeutet auch nicht, vollkommen spontan, ungefiltert oder immer entspannt zu sein.

Es bedeutet, dass zwischen deiner Persönlichkeit und dem, was Menschen im Video von dir erleben, keine künstliche Figur entstehen muss.

Du darfst dich vorbereiten.

Du darfst Technik lernen.

Du darfst an deiner Kamerapräsenz arbeiten.

Du darfst sogar sehr bewusst gestalten.

Denn vielleicht besteht die eigentliche Kunst nicht darin, vor der Kamera möglichst wenig zu tun.

Sondern darin, all das zu lernen, was dir hilft, irgendwann nicht mehr darüber nachdenken zu müssen.

Damit am Ende nicht die Technik sichtbar wird.

Sondern du.

SELBSTSICHTBAR

Bist du vor der Kamera schon
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Christina von Selbstsichtbar

Selbstsichtbar verbindet Persönlichkeit, Kamerapräsenz und Videostrategie.
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